Ratgeber · Normen im Schaltschrankbau
Schaltschrank-Normen: DIN EN 60204-1 oder DIN EN 61439?
Für Schaltschränke gibt es zwei Grundnormen. DIN EN 60204-1 gilt, wenn der Schrank zur elektrischen Ausrüstung einer Maschine gehört. Die Normenreihe DIN EN 61439 gilt für Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen wie Verteilungen. Hier lesen Sie, wann welche Norm greift, was Bauartnachweis und Stücknachweis bedeuten und wer wofür verantwortlich ist.
- Vergleich beider Normen in einer Tabelle
- Die Teile der Reihe DIN EN 61439 im Überblick
- Pflichten von Schrankbauer, Maschinenhersteller und Betreiber
Welche Norm gilt für einen Schaltschrank?
Das entscheidet der Einsatz. Steuert der Schrank eine Maschine und ist Teil ihrer elektrischen Ausrüstung, gilt DIN EN 60204-1. Verteilt er Energie, zum Beispiel als Hauptverteilung oder Unterverteilung in einem Gebäude oder einer Halle, gilt die Normenreihe DIN EN 61439.
- Maschinenschaltschrank, Steuerschrank an der Maschine: DIN EN 60204-1
- Energieverteilung, Schaltanlage, Unterverteilung: DIN EN 61439-1 zusammen mit dem passenden Produktteil, meist DIN EN 61439-2
- In beiden Fällen: die Anforderungen an die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV)
Die Grenze ist in der Praxis nicht immer scharf. Ein Schrank mit großer Einspeisung und Motorabgängen kann Merkmale von beidem haben. Welche Norm angewendet wird, legt deshalb der Auftraggeber fest, meist der Maschinenhersteller. Steht dazu nichts in Ihrer Anfrage, klären wir es vor dem Angebot.
Was regelt DIN EN 60204-1 (VDE 0113-1)?
DIN EN 60204-1 regelt die elektrische Ausrüstung von Maschinen, vom Netzanschluss bis zum Motor. Der vollständige Titel lautet „Sicherheit von Maschinen – Elektrische Ausrüstung von Maschinen – Teil 1: Allgemeine Anforderungen“. Im deutschen VDE-Vorschriftenwerk trägt sie die Klassifikation VDE 0113-1. Die internationale Fassung heißt IEC 60204-1.
Sie gilt für Ausrüstungen mit Nennspannungen bis 1.000 V Wechselspannung oder 1.500 V Gleichspannung. Als harmonisierte Norm zur Maschinenrichtlinie löst sie die Vermutung aus, dass die elektrischen Anforderungen der Richtlinie erfüllt sind.
Typische Inhalte
- Netztrennung über Hauptschalter, Schutz gegen elektrischen Schlag
- Schutz der Ausrüstung, etwa Überstrom- und Motorschutz
- Not-Halt und Steuerfunktionen im Fehlerfall
- Steuerstromkreise, Bedienelemente, Anzeigen
- Leitungen, Aderfarben, Kennzeichnung und Verdrahtung
- Dokumentation und Prüfungen, zum Beispiel Durchgängigkeit des Schutzleitersystems, Isolationswiderstand und Funktion
Was regelt die Normenreihe DIN EN 61439 (VDE 0660-600)?
DIN EN 61439 regelt Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen, also fertig zusammengebaute Kombinationen aus Schaltgeräten, Schutzgeräten, Verdrahtung und Gehäuse. Die internationale Fassung ist IEC 61439, die VDE-Klassifikation lautet VDE 0660-600. Teil 1 enthält die allgemeinen Regeln und wird immer zusammen mit einem Produktteil angewendet.
Die Reihe gilt wie DIN EN 60204-1 bis 1.000 V Wechselspannung oder 1.500 V Gleichspannung. Sie ist unter der Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU harmonisiert.
DIN EN 60204-1 und DIN EN 61439 im Vergleich
Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick. Beide Normen haben denselben Spannungsbereich, aber einen anderen Gegenstand.
61439: Niederspannungs-Schaltgerätekombination als eigenes Produkt
61439: Hauptverteilung, Unterverteilung, Energieverteilung, Schaltanlage
61439: VDE 0660-600-1 ff.
61439: IEC 61439
61439: Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU
61439: Bauartnachweis durch den ursprünglichen Hersteller, Stücknachweis für jede gebaute Kombination
61439: Anwender und Hersteller der Kombination, über die Schnittstellenmerkmale
Was ist der Bauartnachweis, was der Stücknachweis?
Der Bauartnachweis belegt, dass eine Bauart die Norm erfüllt. Der Stücknachweis belegt, dass jeder einzelne gebaute Schrank richtig gefertigt ist. Beide Begriffe stammen aus DIN EN 61439.
Bauartnachweis: Ihn erbringt der ursprüngliche Hersteller, meist der Anbieter des Schranksystems. Erlaubt sind drei Wege: Prüfung, Vergleich mit einer geprüften Referenzkonstruktion oder Bewertung, etwa durch Berechnung. Nachgewiesen werden unter anderem Festigkeit, Schutzart, Luft- und Kriechstrecken, Schutz gegen elektrischen Schlag, Erwärmung und Kurzschlussfestigkeit.
Stücknachweis: Ihn erbringt der Hersteller der Schaltgerätekombination, also der Betrieb, der den Schrank baut. Früher hieß das „Stückprüfung“. Dazu gehören unter anderem Sichtprüfungen, Schutzleiterverbindungen, dielektrische Eigenschaften sowie Verdrahtung und Funktion.
Wichtig für Schaltschrankbauer
- Wer vom geprüften System abweicht, zum Beispiel andere Sammelschienen oder Geräte einsetzt, übernimmt für diese Abweichung die Rolle des ursprünglichen Herstellers und muss sie selbst nachweisen.
- Der Erwärmungsnachweis ist bei großen Strömen oft der aufwendigste Teil. Bis 630 A Bemessungsstrom in einem Abteil, und bis 1.600 A mit einem Berechnungsverfahren, erlaubt die Norm einen rechnerischen Nachweis. Darüber ist eine Prüfung oder der Vergleich mit einer geprüften Referenzkonstruktion nötig.
- Liegt der Bemessungskurzzeitstrom bei höchstens 10 kA, oder begrenzt eine vorgeschaltete strombegrenzende Schutzeinrichtung den Durchlassstrom auf höchstens 17 kA, kann der Kurzschlussnachweis entfallen.
- DIN EN 60204-1 kennt diese Zweiteilung nicht. Dort werden die Prüfungen an der elektrischen Ausrüstung der Maschine durchgeführt.
Welche Rolle spielt die EMV im Schaltschrank?
Jeder Schaltschrank muss die Anforderungen der EMV-Richtlinie 2014/30/EU erfüllen, egal ob er nach DIN EN 60204-1 oder DIN EN 61439 gebaut ist. Er darf andere Geräte nicht stören und muss selbst störfest sein.
Im Industrieumfeld sind die Fachgrundnormen DIN EN 61000-6-2 (Störfestigkeit) und DIN EN 61000-6-4 (Störaussendung) der übliche Maßstab. Im Schrank zeigt sich EMV vor allem im Aufbau:
- Leistungs- und Steuerleitungen getrennt geführt
- Geschirmte Motorleitungen bei Frequenzumrichtern, Schirm großflächig aufgelegt
- Montageplatte und Gehäuseteile flächig und niederohmig verbunden
- Filter und Drosseln nach Vorgabe des Umrichterherstellers
Wie wir Antriebe mit Frequenzumrichtern aufbauen, steht auf der Seite Antriebs-Schaltschränke.
Wer ist wofür verantwortlich?
Schrankbauer, Maschinenhersteller und Betreiber haben getrennte Pflichten. Wer welche Rolle hat, sollte vor der Bestellung feststehen.
Eine Sicherheitsbewertung nach EN ISO 13849 bleibt beim Maschinenhersteller. Wir bauen nach der Vorgabe, die Sie uns für Sicherheitsfunktionen und Performance Level machen. Was sich dabei ab 2027 ändert, lesen Sie im Ratgeber Maschinenverordnung 2027. Welche Prüfungen vor und nach der Inbetriebnahme anstehen, steht im Ratgeber Schaltschrank-Prüfung.
Wie klären wir die Norm für Ihren Schaltschrank?
Wir klären die Norm vor dem Angebot, nicht in der Fertigung. Rihatec baut seit 1995 in Kirchheim bei München mehr als 100 Schaltschränke im Jahr, je nach Einsatz nach DIN EN 61439 oder DIN EN 60204-1, dazu nach den Anforderungen der EMV-Richtlinie.
- Ein Techniker prüft Schaltplan und Stückliste und fragt fehlende Vorgaben gesammelt ab.
- Planung in EPLAN P8, wenn Sie noch keinen Plan haben
- Prüfung vor der Auslieferung: Sichtprüfung, Schutzleitermessung und Funktionsprüfung. Wir dokumentieren jede Prüfung, das Prüfprotokoll erhalten Sie auf Anfrage.
- Typenschild und Konformitätserklärung
Schrank anfragen
Schicken Sie Schaltplan und Stückliste und nennen Sie die geforderte Norm. Fehlt die Angabe, klären wir sie mit Ihnen.
Wie wir Projekte klären und fertigen: Schaltschrankbau. Planung durch uns: Schaltplanung. Wie ein Schrank normgerecht aufgebaut wird: Schaltschrank-Aufbau.
Häufige Fragen zu Schaltschrank-Normen
Gilt für einen Maschinenschaltschrank DIN EN 60204-1 oder DIN EN 61439?
Ist der Schrank Teil der elektrischen Ausrüstung einer Maschine, gilt DIN EN 60204-1. DIN EN 61439 gilt für Schaltgerätekombinationen wie Energieverteilungen. Welche Norm angewendet wird, legt in der Regel der Maschinenhersteller fest.
Was ist der Unterschied zwischen DIN EN 61439 und IEC 61439?
IEC 61439 ist die internationale Norm. DIN EN 61439 ist die europäische Fassung, als deutsche Norm übernommen. Im VDE-Vorschriftenwerk trägt sie die Klassifikation VDE 0660-600.
Was bedeutet DIN VDE 0113-1?
DIN VDE 0113-1 ist die VDE-Klassifikation von DIN EN 60204-1, der Norm für die elektrische Ausrüstung von Maschinen. Gemeint ist dieselbe Norm.
Was ist eine Schaltgerätekombination?
Eine Kombination aus Schalt- und Schutzgeräten mit Verdrahtung, Sammelschienen und Gehäuse, die als Einheit gebaut und geprüft wird. Typische Beispiele sind Haupt- und Unterverteilungen. Die Anforderungen stehen in der Normenreihe DIN EN 61439.
Wer muss den Bauartnachweis erbringen?
Der ursprüngliche Hersteller, meist der Anbieter des Schranksystems. Weicht der Schrankbauer vom geprüften System ab, muss er diese Abweichung selbst nachweisen.
Heißt es Stückprüfung oder Stücknachweis?
Die aktuelle Normenreihe DIN EN 61439 spricht vom Stücknachweis. Der ältere Begriff Stückprüfung stammt aus der Vorgängernorm und wird in der Praxis weiter verwendet. Gemeint ist der Nachweis für jeden einzelnen gebauten Schrank.
Gilt DIN EN 61439 auch für Schaltschränke an Maschinen?
Grundsätzlich gilt für die elektrische Ausrüstung von Maschinen DIN EN 60204-1. Teile eines Maschinenschranks, etwa eine große Einspeisung, können zusätzlich nach DIN EN 61439 ausgelegt werden, wenn der Auftraggeber das vorgibt.
Welche Norm gilt für die Prüfung beim Betreiber?
Für Anschluss und Inbetriebnahme vor Ort gelten die Errichtungsnormen der Reihe DIN VDE 0100. Wiederkehrende Prüfungen ergeben sich aus der Betriebssicherheitsverordnung und der DGUV Vorschrift 3. Zuständig ist der Betreiber.
Bietet Rihatec eine Sicherheitsbewertung nach EN ISO 13849 an?
Nein. Risikobeurteilung und Festlegung des Performance Level bleiben beim Maschinenhersteller. Wir bauen den Schaltschrank nach Ihrer Vorgabe für die Sicherheitsfunktionen.
Schaltschrank nach der richtigen Norm bauen lassen
Sie haben einen Schaltplan? Laden Sie ihn hoch, wir prüfen die Unterlagen und nennen einen Festpreis für den beschriebenen Umfang. Ohne Plan beginnen wir mit dem kostenlosen ProjektCheck.
Stand: Oktober 2026. Dieser Ratgeber ersetzt keine Prüfung durch eine Elektrofachkraft und keine Rechtsberatung.